Sonntag, 29. Dezember 2013

Das könnte tatsächlich das Auge Gottes sein, in welches sich die Welt so langsam, Augenblick für Augenblick, einschreibt. Lange konnte ich nicht sagen, was mich eigentlich so am Fotografieren fasziniert, aber ein wenig ist es doch das Gefühl dieses überzeitlichen, außerpersönlichen Blicks, dessen Gehilfe ich allenfalls mit meinen Bildern bin. Eine Welt aus diesem Licht weist gar nicht über sich selbst hinaus; sie ist vielmehr transzendent und immanent zugleich, sie ist nicht auf ein Ziel hin gebaut, doch ist sie gepolt, gerichtet:


(2012)

Ihre Erfüllung ist das Erkennen. Dieses Erkennen wiederum ist eine Form des Weniger, nicht des Mehr. "Selig sind die Armen im Geiste" (Matth. 5, 3) zitiert Meister Eckhart in seinem Buch der göttlichen Tröstung aus den Worten der Bergpredigt und beschreibt in seinen Reden der Unterweisung, wie sich dem im Glauben Erkennenden die Welt Schale um Schale auf ihren göttlichen Kern reduziert - den Seelengrund. Dabei handelt es sich nicht um eine dunkle Mystik, sondern im Gegenteil um nüchternste Erleuchtung. Allein das damit einhergehende Gefühl kann einem wie Trunkenheit erscheinen.

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This could really be the eye of God in which the world is slowly inscribed, moment by moment. For a long time I could not explain what I find so fascinating about photography but to some extent it is this feeling of this out-of-time, beyond-personal gaze to which I cling like an adjunct with my pictures. A world from this light has no need for a higher meaning; in fact it is both transcendent and immanent at the same time, it is not built for a certain purpose, yet it is poled, directed:

Its fulfillment is cognition. Again this cognition is a form of less rather than more. "Blessed are the poor in spirit" (Matthew 5:3) cites Meister Eckhart from the Sermon on the Mount in his Book of the Divine Consolation and describes in his Discourses on Instruction how the world reduces itself shell by shell to the divine core - the soul - for the perceiving in belief. This is not a mere dark mysticism but quite the contrary, a most sober satori. Only the feeling coming with it can appear like ebriety.

Dienstag, 17. Dezember 2013

varlık birliği / Vahdet-i Vücûd / وحدة الوجود


(2012)

Çayın rengi ne kadar güzel, 
Sabah sabah, 
Açık havada! 
Hava ne kadar güzel! 
Oğlan çocuk ne kadar güzel! 
Çay ne kadar güzel!


Orhan Veli Kanık

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Wie schön ist die Farbe des Tees,
Früh am Morgen,
Draußen im Freien!
Wie schön ist das Wetter!
Wie schön ist der Junge!
Wie schön ist der Tee!

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How pleasant is the color of tea,
In the morning,
In open weather!
How nice is the weather!
How pretty is the boy!
How pleasant is the tea!

Sonntag, 1. Dezember 2013

Ich weiß nicht, wo ich den Raum suchen soll, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn verlassen habe. Ich habe ihn abgestreift wie eine zweite Haut, deren Zeit abgelaufen war. Wem gehört nun dieser Raum, den ich durchquert und hergegeben habe? Wessen Merkmal ist, dass er ihn kennt? Ich selbst kenne allein die Erinnerung, deren Qualität es ist, den Zugang zum Zurückgelassenen manchmal weit, manchmal nur ein wenig zu öffnen und die durch solche Materialien wie die Fotografie, aber auch durch den Klang, den Duft und die Jahreszeiten gestützt werden kann.

In diese Erinnerung kann ich hineingehen bis zu jenem Punkt, an dem eine hauchdünne Folie von Abwesenheit mich nicht weiter durchdringen lässt. Aber dort beschleicht mich stets das Gefühl, dass mein Blick doch erwidert, dass zurückgeschaut wird. Wessen Blick ist dies? Ich spüre, dass er aus den vermeintlich leeren Stellen kommt, denen man im Jetzt weniger Aufmerksamkeit schenkt. Es sind die Bereiche, die vordergründig von Abwesenheit geprägt sind, die das Dasein fast nur wie einen Schatten von Existenz auf sich tragen. Erst die Erinnerung (und ebenso die Fotografie!) legt über alles den Schleier der Abwesenheit und enthüllt damit zugleich eine Art Ununterscheidbarkeit von Tod und Leben.


(2012)

Für die Abwesenden bin ich der Tote, der Noch-Nicht-Gekommene oder eben der Gegangene. Mein Tod ist die Nichtteilnahme am Vergangenen und Zukünftigen, aus diesem Grund enthält bereits meine jetzige, lebendige Existenz Anteile des Todes, während im Tod Elemente des Lebens enthalten sind, nämlich die Erinnerung und möglicherweise auch die Vorsehung. Angesichts dieser Gedanken komme ich nicht umhin, mich zu fragen, in wessen Händen all dies stattfindet, auf wessen Rahmen dieser ganze Teppich gewebt ist...

Was wirst Du tun, Gott, wenn ich sterbe?

Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.
Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch
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I do not know where to search for the space of which I did not even know that I left it. I peeled it off like a second skin whose time had elapsed. To whom belongs this space that I have crossed and that I gave away? Whose attribute is that he knows it? I myself know only my memory that has the quality to open the access to the left-behind, sometimes wide, sometimes very narrow, and that can be supported by materials like photography but also by sound, fragrance and seasons.

I can go into these memories till the point where a gauzy film of absence keeps me from going any further. But there I always have the feeling that my gaze is replied, that someone is looking back. Whose gaze is this? I sense that it emerges from the seemingly empty places that do not attract so much attention in the time of now. These are the spots that are ostensibly distinguished by absence and that bear just a shadow of presence. Only memory (and photography!) casts the veil of absence over everything and at the same time uncovers a form of indistinguishablity of death and life.

For the absent I am the dead person, the one who not yet came or who has left. My death is the non-participation in past and future and for this reason my actual living existence contains portions of death whereas death contains elements of life, namely memory and possibly also providence. In the face of these thougths I am bound to ask myself in whose hands all this happens, on whose frame this whole carpet is woven...

Donnerstag, 21. November 2013

公案 / 公案 / công án / Kōan


(2012)

Der Blick sieht eine Fotografie, der Gedanke durchdringt die Welt.
The gaze sees a photograph, the mind pervades the world.

悟り

Freitag, 8. November 2013

Fischfang

Nichts als Nachricht aus dem Element,
in dem man nicht leben kann. Nicht der Atem
geht den Weg ans Licht – allein der Leib kommt.
Und diesen haltend, so nahm ich's an;
die Grenze gebar, die Hände entbanden.
Nichts als ein Auge, das dich nicht kennt.

War es Sprung? War es Fall?
Trug ich nicht den Einmaligen,
Ungestalteten, das Meer?
Es half da kein Greifen, doch
war in den Fingern Verwandlung.


(2013)

Montag, 21. Oktober 2013

Die größte Freiheit müsste die des Überflüssigen sein, denn nur dieser sieht sich nicht dem Anpassungsdruck ausgesetzt, welcher die Teilhabenden in ihre Rollen drückt, die sie zu erfüllen haben – um zu arbeiten, um zu funktionieren, um zu existieren in einer ihre Sicherheit garantierenden Form. Der Überflüssige fällt dabei aus allem heraus und durch alles hindurch; sein Dasein ist außerhalb des Sinns begründet. Insofern ist es für ihn auch vollkommen sinnlos, sich nach den Strukturen der ins System Eingespannten zu sehnen. Stattdessen obliegt es ihm, sich zu definieren, sich völlig selbst zu begründen, anstatt aus dem Spektrum ihm sowieso nicht zugänglicher Möglichkeiten zu wählen.
Ist dies eine Aufgabe, die zu lösen ist?

Der Überflüssige ist immer ein Anderer, ganz gleich, wo er herkommt und wer er ist. Er muss auch ein Anderer sein, da er sich ja unmöglich ins bestehende Sinnsystem integrieren lässt. Das bedeutet also, dass das System stets versuchen wird, an ihm vorbei zu existieren und zu funktionieren, er wiederum aber nur trotz des Systems leben kann. Das heißt nicht notwendigerweise, gegen das System aufzubegehren, es meint allerdings auch nicht, mit dem System leben zu müssen; das Leben des Überflüssigen entzieht sich im Prinzip einfach dem systemischen Strom. Es ist das Leben daneben und als solches gegenüber dem System nicht rechenschaftspflichtig, eigenverantwortlich und frei. Wer überflüssig ist, ist draußen.


(2013)

The greatest freedom must be the one of the redundant because he alone is not affected by the pressure of conformance that pushes all participants into their roles - to work, to function, to exist in a form that guarantees their security. The redundant falls off; his existence is founded outside of the meaning. For that reason it is meaningless for him to long for the structures of those who are restrained by the system. In fact he is asked to define himself, to justify himself completely instead of choosing options that are out of reach for him anyway.
Is this a problem that is to be solved?

The redundant is always the other, regardless where he comes from or who he is. He has to be the other, simply because it is impossible to integrate him into the existing system of meaning. That means the system will always try to exist and function past the redundant, but he himself can only live in spite of the system. This doesn't mean necessarily to revolt against the system nor does it mean having to live with the system; the life of the redundant in principle simply detracts itself from the systemic stream. It is life alongside and as such not accountable to the system, self dependent and free. Being redundant means being outside.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.


Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.


Friedrich Hölderlin


(2013)